AUSGRABUNGEN

Die Ausgrabungen in der Bucht von Abukir, Ägypten

Geographie und Geschichte

Die von Franck Goddio und seinem Team im Nildelta entdeckten Stätten versanken damals aufgrund unterschiedlicher Naturereignisse im Meer:

  • der östliche Teil des Mittelmeers senkte sich langsam ab
  • das Nildelta änderte seine Form
  • der Meeresspiegel stieg seit der Antike an
  • infolge von Erdbeben senkte sich der Boden und grosse Erdmassen gerieten in Bewegung
  • an einigen Orten verflüssigte sich der Lehmboden, dies vor allem an Stellen, an denen grosse Bauwerke errichtet worden waren
  • zuletzt führte eine katastrophale Nil-Überschwemmung oder eine Flutwelle zu einer zerstörerischen Überflutung.

Diese Faktoren zusammen haben schliesslich dazu geführt, dass Thonis-Herakleion und Kanopus in der Bucht von Abukir, rund 35 Kilometer von Alexandria entfernt, versanken. Die überschwemmten Gebiete liegen seitdem acht Meter unter Wasser.

Die Bucht von Abukir mit den wiederentdeckten
versunkenen Städten Kanopus und Thonis-Herakleion

Das alte Ägypten und der Handel im Mittelmeer

1500 Jahre ägyptische Geschichte werden in der Ausstellung präsentiert. Eine lange Periode, die geprägt ist durch das Ende der Pharaonen und den Einfluss fremder Herrscher in Ägypten: zuerst Perser, dann Griechen und schliesslich Römer. Sie alle trugen zu einer beeindruckenden kulturellen Vermischung im Land bei, was die Exponate eindrucksvoll belegen.

Die ältesten Ausstellungsstücke stammen aus dem 7. Jahrhundert v.Chr. und führen uns in die Spätzeit des alten Ägypten (664–322 v.Chr.). Das Zeitalter der Pharaonen lag damals bereits zweitausend Jahre zurück, die Zeit der Ausdehnung des Königreichs und der grossen Herrscher wie Thutmosis III. (reg. 1490–1436 v.Chr.), Amenophis IV. genannt Echnaton (reg. 1364–1347 v.Chr.) oder Ramses II. (reg. 1290–1224 v.Chr.) war endgültig vorüber.

Das siebte vorchristliche Jahrhundert war geprägt von fremden Herrschern und der ständigen Bedrohung durch Grossreiche des Vorderen Orients wie demjenigen der Assyrer und Perser. Die 26. Dynastie, die sogenannte saïtische Dynastie (664–525 v.Chr.), bildete eine Ausnahme, die dem Land eine Zeit lang Frieden und Wohlstand beschert. Nach den Saïten übernehmen die Perser für 120 Jahre die Kontrolle über Ägypten, ehe sich 404 v.Chr. nochmals einheimische Dynasten, in aller Regel mit Hilfe griechischer Söldner, durchsetzen konnten. Nektanebos II. (reg. 360–343 v.Chr.) war der letzte ägyptische Pharao einer jahrtausendalten Kette von 30 (!) Dynastien. Er musste einer erneuten, wenn auch kurzen, persischen Besatzung weichen, gefolgt von der Eroberung Ägyptens durch Alexander den Grossen im Jahr 332 v.Chr.

Marmorkopf des Gottes Sarapis

Schon ab dem 2. Jahrtausend v.Chr. fand in Ägypten ein reger Austausch mit der griechischen Welt statt. Die im Nildelta unweit von Saïs (der Hauptstadt der saïtischen Pharaonen) gelegene Stadt Naukratis wurde bald zum wichtigsten griechischen Handelszentrum in Ägypten. Um dort Handel zu treiben, mussten die griechischen Händler eine Einfuhrsteuer auf ihre Waren entrichten. Die ägyptische Zollstation befand sich in Thonis-Herakleion, das an der Mündung des östlichsten Nilarms lag. Sie galt als «Eingangspforte» des Landes und war für alle fremden Schiffe aus der griechischen Welt mit Ziel Ägypten unumgänglich. Ihre Einnahmen waren es auch, die Thonis-Herakleion zu grossem Wohlstand verhalfen.

Das griechische Ägypten und der Aufstieg Alexandrias

Alexander der Grosse, König von Mazedonien, eroberte Ägypten im Jahre 332 v.Chr. Im folgenden Jahr gründete er, 35 Kilometer von Thonis-Herakleion entfernt, die Stadt Alexandria, eine der bedeutendsten Grossstädte der gesamten hellenistischen Welt. Nach dem Tod Alexander des Grossen (323 v.Chr.) nahm sein General und Freund, Ptolemaios I. Soter, den Königstitel Ägyptens an und verlegte den Herrschaftssitz nach Alexandria. Der neue Souverän verwies Naukratis und Thonis-Herakleion auf den zweiten Rang, indem er die Hafen- und Handelsgeschäfte nach Alexandria verlagerte. Er machte die Stadt zu einem Ort der Wissenschaft, indem er das Museum (dies bedeutete ursprünglich «Tempel der Musen»), die berühmte Bibliothek und eine Akademie gründete. Unter seiner Herrschaft wurde auch der Bau des legendären Leuchtturms von Alexandria an der Spitze der Insel Pharos begonnen, der als eines der sieben Weltwunder der Antike gilt. Das griechische Ägypten erlebte unter seiner Herrschaft (305–282 v.Chr.) und der seines Sohnes Ptolemaios II. (reg. 282–246 v.Chr.) eine Blütezeit. Innerhalb weniger Jahrzehnte kletterte die Zahl der Einwohner Alexandrias auf über 100.000, so dass die Stadt zu einer der grössten Metropolen der Welt avancierte.

Das unweit von Thonis-Herakleion gelegene Kanopus war durch einen Kanal mit der neuen Hauptstadt verbunden. In diesem wichtigen religiösen Zentrum, das für die Osiris-Prozessionen und Wunderheilungen bekannt war, befand sich einer der grössten Tempel; er war dem Gott Serapis geweihten. Der Serapis-Kult soll etwa im 3. Jahrhundert v.Chr. in der Region entstanden und später von den Griechen übernommen worden sein. Die Dynastie der Ptolemäer endete schliesslich mit der Regentschaft von Kleopatra VII., der Tochter von Ptolemaios XII. Nachdem sie sich mit Julius Cäsar, dem sie einen Sohn namens Ptolemaios XV. (auch Cäsarion genannt) gebar, und anschliessend mit Marc Antonius verbündet hatte, musste sie ihr Königreich am Ende Octavian, dem späteren Kaiser Augustus, überlassen. Dessen Legionen waren in das Land eingedrungen und machten es 30 v.Chr. nach Kleopatras Selbstmord zur römischen Provinz. Alexandria wurde Hauptstadt und blieb, obwohl geschwächt, wirtschaftlich von zentraler Bedeutung.

Rekonstruktion der Stadt Thonis-Herakleion anhand der bei den Forschungsarbeiten gewonnenen Daten

In den Fluten versunken

Kanopus und Thonis-Herakleion liegen seit über 1200 Jahren unter Wasser. Im 8. Jahrhundert soll letztlich ein Erdbeben zu ihrem vollständigen Versinken geführt haben. Bereits zuvor hatten mehrere schwere Erschütterungen und die durch sie ausgelösten Flutwellen die Region getroffen. Eines der stärksten Beben (im Jahr 365) forderte in Alexandria vermutlich bis zu 50.000 Opfer.

Weitere Informationen finden Sie unter www.franckgoddio.org und www.ieasm.org.

Topographie – Die Wiederentdeckung der versunkenen Städte

Ein grosser Teil der Arbeit des IEASM bestand zunächst in der Erstellung detaillierter Karten des Ausgrabungsgeländes. Auf deren Basis konnten und können weiterhin die Ruinen unter Wasser lokalisiert und die Tauchgänge sowie Ausgrabungen möglichst zielgenau organisiert werden. Zudem lässt sich mit ihrer Hilfe das Erscheinungsbild der Städte in der Antike rekonstruieren, angefangen von den Umrissen der Städte und der Lage der Kanäle bis hin zur Anordnung der Monumente.

Für diese Arbeit steht modernes elektronisches Gerät zur Verfügung, unter anderem ein Kernspinresonanz-Magnetometer, das 1990 von der französischen Behörde für Atomenergie (CEA) entwickelt wurde. Mit dessen Hilfe lassen sich Gegenstände unter Wasser aufspüren, selbst wenn diese von Sand und Sedimenten bedeckt sind.

Die zu untersuchende Zone wurde auf Basis ausführlicher Studien in Archiven und antiken Texten definiert. Sie erstreckt sich in der Bucht von Abukir, in der Kanopus und Thonis-Herakleion versunken sind, über eine Fläche von fast 110 Quadratkilometern.

Weitere Informationen finden Sie unter www.franckgoddio.org und www.ieasm.org.

Kernspinresonanz-Magnetometer, das bei den Forschungsarbeiten eingesetzt wird

Das Team

Franck Goddio

Franck Goddio ist Präsident des Europäischen Instituts für Unterwasser-Archäologie (IEASM) und seit fast 30 Jahren Archäologe. Er ist Leiter der Unterwassergrabungen in der Bucht von Abukir, wo die Städte Thonis-Herakleion und Kanopus entdeckt wurden. In Alexandria fand er ausserdem den berühmten Portus Magnus, den grossen Hafen der Römer. Die Ausstellung „Osiris – Das versunkene Geheimnis Ägyptens“, deren Kurator er ist, leitet sich direkt aus den Ergebnissen seiner Arbeit ab. Goddio ist ebenfalls Mitbegründer des Zentrums für Unterwasserarchäologie an der Universität Oxford (OCMA).

Weitere Informationen finden Sie unter www.franckgoddio.org und www.ieasm.org.

Experten-Team

In dem von Goddio geleiteten IEASM-Team sind verschiedene Spezialisten vereint: Archäologen, Ägyptologen, Taucher, Münzforscher, Keramologen, Wissenschaftler, Spezialisten für Restaurierung und Konservierung archäologischer Funde, Elektroingenieure, Techniker, Kameraleute und Fotografen.

Die 30 bis 50 Team-Mitglieder kommen aus Frankreich, Ägypten, England, den USA, Deutschland, Spanien, den Philippinen und Russland. In der Regel trifft sich das Team zweimal pro Jahr, im Frühjahr und im Herbst, an Bord des Forschungsschiffs „Princess Duda“, um die Stätten Thonis-Herakleion und Kanopus in der Bucht von Abukir weiter zu erforschen.

Das Zentrum für Unterwasserarchäologie an der Universität Oxford (OCMA) beteiligt sich an den Ausgrabungen und bietet seinen jungen Wissenschaftlern durch Doktoranden-Stipendien die Möglichkeit, sich im Rahmen ihrer Forschungstätigkeit mit den Funden des Europäischen Instituts für Unterwasser-Archäologie (IEASM) zu befassen. Daneben koordiniert das OCMA die wissenschaftliche Veröffentlichung sämtlicher Ausgrabungsergebnisse.

Die gesamten Ausgrabungen werden unter der Leitung des IEASM und unter der Aufsicht des ägyptischen Ministeriums für Altertümer durchgeführt. Die archäologische Arbeit von Franck Goddio wird seit 1996 von der Hilti Foundation unterstützt.

Leihgeber

Fast zehn Jahre nach dem Start der Wanderausstellung «Ägyptens versunkene Schätze» hat sich das Ägyptische Ministerium für Altertümer bereit erklärt, erneut 293 Objekte als Leihgaben zur Verfügung zu stellen. Diese gehören allesamt ägyptischen Museen und werden in der Wanderausstellung «Osiris – Das versunkene Geheimnis Ägyptens» gezeigt.

Die meisten Artefakte stammen aus den jüngsten Ausgrabungen des Europäischen Instituts für Unterwasser-Archäologie (IEASM). Zusätzlich werden 40 Leihgaben des Ägyptischen Museums Kairo, des Antikenmuseums* der Bibliotheca Alexandrina, des Griechisch-Römischen Museums, des Maritimen Museums Alexandria und des Nationalmuseums in Alexandria gezeigt. Viele von ihnen verlassen Ägypten zum ersten Mal.

Hilti Foundation

Franck Goddio und die Hilti Foundation teilen die Begeisterung für die Forschung, die Leidenschaft für Geschichte, das Faible für archäologische Entdeckungen sowie die Freude an der Präsentation der Funde in öffentlichen Ausstellungen.

Die Hilti Foundation wurde 1996 als gemeinnützige Stiftung des Martin-Hilti-Familien-Trusts ins Leben gerufen. Seit 2007 ist die Foundation eine gemeinsame Einrichtung des Martin-Hilti-Familien-Trusts und der Hilti-Gruppe.

Ursprünglich wurde die Hilti Foundation gegründet, um für die faszinierenden Grabungen des Unterwasserarchäologen Franck Goddio eine solide Finanzierung zu sichern. In der Folge entwickelte die Stiftung neben der Wissenschaft eine Reihe von weiteren Programmen in den Bereichen Bildung und Gesellschaft.

Die Hilti Foundation steht für innovative Projekte von internationaler Bedeutung und Tragweite. Die Förderung der Arbeit von Franck Goddio zählt zu den Schlüsselaktivitäten des aktuellen wissenschaftlichen Engagements der Stiftung. Die wissenschaftliche Unterstützung und die Evaluation der Projekte wird durch renommierte Wissenschaftler in Zusammenarbeit mit dem Oxford Centre for Maritime Archaeology (OCMA) der Universität Oxford gewährleistet.

Ausführlichere Informationen finden Sie unter www.hiltifoundation.org